El Salvador – 30 JAHRE HAFT NACH FEHLGEBURT

Teodora del Carmen Vásquez wurde 2008 zu 30 Jahren Haft verurteilt. Sie erlitt eine Fehlgeburt, doch das Gericht wirft ihr vor, sie habe ihr Kind ermordet.

Dieser Fall wird seit Dezember 2016 von der Ulmer Gruppe betreut.

Teodoras Geschichte

Teodora stammt aus einer armen Familie in einem Dorf in El Salvador. Schon früh musste sie im Haushalt mithelfen und konnte deshalb auch die Schule nicht beenden. Mit 17 Jahren war sie schließlich gezwungen ihr Heimatdorf zu verlassen, um als Dienstmädchen in der Stadt zu arbeiten und ihre Familie finanziell zu unterstützen.

Im Juli 2007 war Teodora im neunten Monat schwanger - sie erwartete eine Tochter. Ihr erster Sohn war zu dieser Zeit etwa zwei Jahre alt. Am 13. Juli 2007 fühlte sich Teodora während der Arbeit plötzlich unwohl und spürte starke Schmerzen im Bauch. Auf dem Weg zur Toilette wurden die Schmerzen immer stärker und sie fiel hin. Dann erlitt Teodora eine Fehlgeburt. Bevor sie ihr Bewusstsein verlor, konnte sie gerade noch den Notarzt anrufen.

Während Teodora blutüberströmt auf dem Boden lag, erschienen Polizeibeamte. Sie legten Teodora in Handschellen und warfen ihr vor, eine Abtreibung provoziert zu haben. Sie wird sofort festgenommen und erst später in ein Krankenhaus gebracht. Am nächsten Tag wurde sie noch im Krankenhausbett von Polizisten verhört. Ihr wird schwerer Mord vorgeworfen.

Einen Rechtsanwalt für den Gerichtsprozess konnte sich die Familie nicht leisten. Die Autopsie des Babys ergab zwar, dass weder eine Gewalteinwirkung noch eine eindeutige Todesursache festgestellt werden kann. Dennoch wurde Teodora 2008 zu 30 Jahren Haft wegen Mordes an ihrem Kind verurteilt. Nun ist sie schon seit 9 Jahren im Frauengefängnis Ilopango inhaftiert.

Ihren mittlerweile 13-jährigen Sohn sieht Teodora nur selten – etwa ein- bis zweimal im Jahr. Er lebt bei ihren Eltern. Die Reise bis zum Gefängnis dauert drei Tage und ist so mit einem hohen finanziellen und zeitlichen Aufwand verbunden.

Das Frauengefängnis Ilopango ist maßlos überfüllt. Tedora ist mit 21 anderen Frauen in einer kleinen Zelle untergebracht, sechs davon müssen auf dem Boden schlafen. Sie berichtet, dass die ersten Monate sehr schwer waren. Sie wurde von anderen Inhaftierten geschlagen und als Kindsmörderin beschimpft. Doch es gibt noch weitere Frauen, die nach Fehl- oder Frühgeburten wegen Mordes inhaftiert wurden und die Frauen versuchen sich gegenseitig zu unterstützen.

Abtreibung in El Salvador

In El Salvador gilt ein absolutes Abtreibungsverbot. Das heißt: Abtreibung ist unter allen Umständen verboten, selbst in Fällen von Vergewaltigung, Inzest, wenn das Leben der Frau oder ihre Gesundheit in Gefahr ist oder in Fällen von schwerwiegenden, lebensbedrohlichen Schädigungen des Fötus. Außerdem ist es verboten einer Frau oder einem Mädchen bei einer Abtreibung zu helfen.

Die Strafen sind schwer und reichen bei einer vorgeworfenen Abtreibung bis zur 22. Schwangerschaftswoche von zwei bis acht Jahren Haft, sowohl für die Frauen als auch für diejenigen, die ihnen helfen. Medizinische Fachkräfte können sogar mit sechs bis 12 Jahren Haft bestraft werden. Ab der 23. Schwangerschaftswoche werden Frauen wegen schwerem Mord von 30 bis 50 Jahren Haft verurteilt.

Trotz des Verbotes kommt es zu vielen heimlichen Abtreibungen, zum Beispiel mit Pestiziden oder Stricknadeln. Die Weltgesundheitsorganisation WHO wies 2011 darauf hin, dass 11 % der Frauen und Mädchen, die in El Salvador eine illegale Abtreibung vornehmen ließen, daran starben. Außerdem haben viele Frauen Angst davor, medizinische Hilfe zu suchen, wenn sie Schwangerschaftskomplikationen erleiden, was zu weiteren Todesfällen führt. Gerade arme Familien sind davon betroffen. Frauen aus der Mittel- oder der Oberschicht lassen Abtreibungen häufig im Ausland durchführen oder lassen sich in Privatkliniken behandeln, wenn es nach einer Abtreibung Komplikationen gibt.

Ein großer Erfolg war im Januar 2015 die Begnadigung von Carmen Guadalupe Vasquez Aldana. Auch sie wurde nach einer Fehlgeburt zu 30 Jahren Haft verurteilt, nun jedoch nach sieben Jahren freigelassen. 2016 wurde dann auch María Teresa Rivera, die nach einer Fehlgeburt 2012 zu 40 Jahren Haft verurteilt worden war, freigelassen.

Unser Ziel ist die sofortige Freilassung von Teodora del Carmen Vásquez. Das Justizministerium und das Ministerium für öffentliche Sicherheit sollen Maßnahmen ergreifen, die zu dieser Freilassung führen. Langfristig wollen wir mit der Arbeit für Teodora auch erreichen, dass Abtreibung in El Salvador entkriminalisiert wird, alle Frauen, die Aufgrund von Anschuldigungen, betreffend ihrer Schwangerschaft, inhaftiert sind, freigelassen werden und der Zugang zu sicherer Abtreibung in Fällen von Vergewaltigung, Inzest, Gefährdung von Gesundheit oder Leben der Schwangeren oder bei schwerer, lebensbedrohlicher Beeinträchtigung des Fötus. Teodora steht stellvertretend für viele Frauen die in El Salvador Opfer der Verletzung ihrer sexuellen und reproduktiven Rechte werden oder geworden sind.

Beschreibung (samt Aktionsmöglichkeit) auf amnesty.de
https://www.amnesty.de/briefe-gegen-das-vergessen/2016/12/el-salvador-teodora-del-carmen-vasquez

Weitere Informationen
Wegen Schwangerschaftskomplikationen inhaftierte Frauen und die Auswirkungen auf deren Familien (u.a. mit Teodora):
http://www.ai-el-salvador.de/files/ai_el_salvador/PDFs/Zerrissene-Familien-15-11-30-Bericht.pdf