Mexiko

Dieser Einzelfall wurde bis April 2017 von der Gruppe Ulm betreut.

"Einmal drinnen, sagten sie, sie würden mich töten, denn ich sei ein 'Scheiß-Migrant', um den sich niemand scheren würde. Sie füllten mit Gewalt Mineralwasser in meine Nase; sie fesselten meine Hände und Füße mit Klebeband. Sie schlugen mir in den Magen und auf die Brust, sie zogen mir eine Plastiktüte über dem Kopf, so dass ich vorübergehend keine Luft mehr bekam, und sie verlangten, dass ich ihnen sagen sollte, wer mir Drogen verkauft habe. Ich wusste nicht, wovon sie sprachen."
Ein Migrant aus Honduras erzählt, was ihm geschah, als er von der städtischen Polizei in Saltillo (Mexiko) aufgehalten wurde.

Mexiko – ein Land auf Talfahrt!

Vorkommnisse wie die beschriebene Folter des Migranten aus Honduras sind in Mexiko seit langem kein Einzelfall mehr. Seit mehreren Jahre befindet sich die Menschenrechtslage in Mexiko auf steiler Talfahrt. In den ersten neun Monaten des Jahres 2014 wurden insgesamt 24.746 Personen ermordet. Laut einer im September 2014 veröffentlichten offiziellen nationalen Studie beläuft sich die Zahl der Entführungen im Jahr 2013 auf 131.946. Für die vielen Menschenrechtsverletzungen sind größtenteils staatliche Behörden, sowie die organisierte Kriminalität, verantwortlich. In vielen Fällen arbeiten die Behörden mit den Drogenkartellen sogar zusammen. Ebenso problematisch ist das mexikanische Justizsystem zu betrachten. In Mexiko herrscht große Korruption und Straflosigkeit, mehr als 90 Prozent der Delikte bleiben unbestraft.
Obwohl Mexiko die UN-Antifolterkonvention im Jahre 1986 ratifiziert hat, ist die Anwendung von Folter in Mexiko noch immer weit verbreitet. Im Zeitraum von 2010 bis 2014 kam es zu 7741 Beschwerden bei der nationalen Menschenrechtskommission in Mexiko über die Anwendung von Folter. Demgegenüber stehen 7 Verurteilung in den letzten 23 Jahren
Die genannten Zahlen der Beschwerden, Anzeigen, Entführungen etc. beziehen sich nur auf staatliche Angaben. Da das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat stetig schwindet, lässt sich das tatsächliche Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen nur erahnen.
Vergleichbare Situationen finden sich auch in den mittelamerikanischen Kleinstaaten El Salvador, Guatemala und Honduras. Viele Bewohner haben dort keine Hoffnung mehr auf ein Leben in Frieden und begeben sich stattdessen auf einen riskanten Weg mit Ziel der Vereinigten Staaten.

Migranten als Opfer von Menschenrechtsverletzungen
Besonders jene Flüchtlinge sind den Machenschaften der Behörden und Drogenkartelle nahezu schutzlos ausgeliefert. Zum „Schutze“ der Migranten  hat die Regierung im Jahre 2014 das Programm Südgrenze ins Leben gerufen. Seitdem hat sich die Menschenrechtslage für die Migranten weiter verschlechtert. Das bisherige Haupttransportmittel durch Mexiko, der einzige Güterzug, der vom Süden Mexikos in den Norden fährt, hat die Fahrtgeschwindigkeit erhöht. Dadurch kommt es vermehrt zu schweren Unglücken und Verstümmelungen. Die Flüchtlinge werden dadurch zu immer riskanteren Routen gezwungen und somit direkt in die Arme von kriminellen Schlepper- und Drogenbanden getrieben. Der Menschenhandel floriert! Verwandte in den USA oder ihren Heimatländern werden mit hohen Lösegeldforderungen erpresst oder genauso schlimm, leben fortan in Ungewissheit, wo sich ihre Geliebten befinden und ob sie überhaupt noch leben. Neben der erhöhten Zuggeschwindigkeit spielen in der neuen mexikanischen Flüchtlingspolitik vor allem die vermehrten Zugriffe des nationalen Migrationsinstitut (INM) und der Polizei eine große Rolle. Täglich stehen mittelamerikanische Flüchtlinge in der Gefahr geschlagen, erpresst, entführt oder sogar getötet zu werden.

Menschenrechtsverteidiger – Fray Tomás Gonzáles Castillo
Einige wenige Menschen in Mexiko haben es sich zur Aufgabe gemacht eben diesen Menschen Schutz zu bieten. Einer von Ihnen ist der Franziskanerbruder Tomás Gonzáles Castillo, der in seiner Herberge La72 – eine Anspielung an den Massenmord an 72 Migranten in Mexiko im Jahre 2010 – jedes Jahr 12000 Migranten aufnimmt.
Ein Schwerpunkt seiner Arbeit besteht in der medizinischen Grundversorgung der Flüchtlinge. Die extremen klimatischen Bedingungen, eine hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturen von über 40°C, in Kombination mit der schlechten Ausrüstung der Flüchtlinge ist diese Arbeit von großer Bedeutung für die Migranten. Neben leichteren Verletzungen kümmert sich das Team von La72 auch um schwerverletzte Opfer von Überfällen, Verstümmelungen durch den Zug und Opfer sexueller Gewalt.
Einen weiteren zentralen Teil seiner Arbeit bildet die Unterstützung der Migranten bei Asylanträgen und Anzeigen gegen Menschenrechtsverletzungen. Im Jahr 2014 begleiteten die Mitarbeiter von La72 220 Migranten, also 10% aller Asylgesuche in Mexiko. Des weiteren übernimmt La72 die Beobachtung und Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen im Zuge des Programms Südgrenze von Seiten der nationalen Migrationsbehörde (INM), der Bundespolizei (PF) und des mexikanischen Heeres.

Besondere Bedrohung für Menschenrechtsverteidiger
Diese Arbeit stellt für das Team von La72 ein großes Risiko ihres eigenen Lebens dar. Am 14. November erhielt Fray Aurelio Montero Vásquez einen Drohanruf von einem Mann, der angab, der Anführer eines der größten Drogenkartelle zu sein. Als Fray Aurelio Montero Vásquez den Anruf erhielt, befand er sich in einer Krisensitzung mit nationalen Ermittlungsbehörden, um über die jüngsten Entführungen von und sexuellen Übergriffe auf Migranten in der Nähe von Tenosique im Bundesstaat Tabasco zu sprechen. Er gab sein Telefon an einen Angehörigen der Generalstaatsanwaltschaft Mexikos weiter, damit dieser mithören konnte. Fray Aurelio Montero Vásquez zufolge soll der Anrufer, der weiter in dem Glauben war, mit dem Menschenrechtler zu sprechen, gesagt haben: "Du bist zu weit gegangen". Außerdem habe er gedroht, ihn anzugreifen, wenn er nicht 50.000 mexikanische Pesos (ca. 2850 Euro) von ihm erhielte. Während der Krisensitzung rief derselbe Mann noch acht weitere Male an, sodass es den Behörden möglich war, herauszufinden, dass die Anrufe aus einem nördlichen Teil Mexikos getätigt wurden. Daraufhin übernahm die Ulmer Amnesty-Gruppe die Betreuung des Einzelfalles, um so die Migrantenherberge La72 und Fray Tomás zu unterstützen. Anfang 2016 besuchte eines der Ulmer Mitglieder die Herberge für einige Monate und begleitete diese bei ihrer Arbeit.

Update 2017
Mit der Wahl von Trump zum US-amerikanischen Präsident kam es zu Verstärkungen des Grenzpersonals und Ausweitungen der „detention centres“ (Verhaftungscenter). Für Migranten und Geflüchtete ist der Weg in die USA so gefährlich wie eh und je. In Mexiko hat sich also noch nicht viel getan.
La72 hat im letzten Jahr verstärkt Kontakte zu anderen Organisationen der Zivilgesellschaft in Mexiko, aber auch Mittelamerika geknüpft. Einen großen Teil ihrer Energie verwenden Sie, um die Öffentlichkeitsarbeit in den kleinen Dörfern und Städten der Umgebung zu stärken. Vorurteile sollen abgebaut und Strukturen geschaffen werden, damit den Migranten und Geflüchteten auch auf der Route eine helfende Hand gereicht wird. Bezüglich der Sicherheitslage in der Herberge gab es dahingehend einen kleinen Erfolg, als dass diese nun tatsächlich rund um die Uhr von der Polizei beschützt wird.